Plattenplausch #1 // Birdy – Birdy

Birdyalbum

Ich gebe zu: es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Viel mehr verspürte ich einen gewissen Würgereiz als ich Birdy das erste Mal locker auf 1Live Bon Ivers “Skinny Love” trällern hörte. Dabei war weniger die musikalische Qualität ausschlaggebend, sondern vielmehr die Tatsache, dass Bon Iver gerade ein paar Grammys abgeräumt hatten, auf dem Äther deutscher Radiounterhaltung aber allenfalls im Nachtprogramm eine Rolle spielen durften, während diese pubertierende Göre die große Bühne zur Verfügung gestellt bekam. Das ärgerte mich.
Fortan hatte Birdy einen schweren Stand. Ich neigte sogar dazu, den Radiosender zu wechseln, wenn sie loslegte.
Warum ich mich irgendwann entschieden habe ihr doch eine Chance zu geben, weiß ich gar nicht mehr. Ich habe mir einfach irgendwann auf Simfy ihr Album als Playlist angelegt und reingehört.
Und dann, ganz plötzlich, überrollte es mich wie die großen Dinge, die immer dann auf mich stoßen, wenn ich grad gar nicht mit ihnen rechne. Ein Ton, eine Melodie, eine Sekunde, ein Moment und alles war anders.

Als ich so 15, 16 Jahre alt war, ließ ich Die Toten Hosen, WIZO und Die Ärzte auf meinem Trommelfell wüten, schloß die Schule ab, hatte meinen ersten eine-Rose-sagt-mehr-als-tausend-Worte-Freund, besoff mich das erste Mal sinnlos und fuhr mit meinen damaligen besten Freunden allein in den Urlaub. Das entspricht vermutlich dem altersentsprechenden Abriss eines Otto-Normal-Teenagers.

Vielleicht sammelt Jasmine van den Bogaerde alias Birdy die gleichen Erfahrungen in ihrer derzeitigen Teenagerphase.
So recht glauben kann man das bei wiederholtem Durchhören ihres Debutalbums „Birdy“ allerdings nicht. Dafür ist die emotionale Darstellung der Coversongs zu vielschichtig und ihr musikalischer Geschmack, der sich in der feinen Auswahl an Musikstücken wiederspiegelt, zu ausgeprägt.

Auch wenn die Songs – bis auf eine Ausnahme – keine eigenen Songs sind, ist es doch ihr ganz eigenes Album mit einer bewundernswerten Leistung. Ihre Stimme wirkt mal zerbrechlich und mal kraftvoll. Diese Ambivalenzen macht sie sich zu Nutze um ihre volle Bandbreite anzubieten und ich bin geneigt sie immer und immer wieder mit allen mir zur Verfügung stehenden Händen zu greifen. Sie schafft mit ihrer Stimme eine ungeheure Nähe zwischen sich, dem Song und dem Hörer.
Egal, ob das Original aus dem Alternative-, Rock- oder Elektrobereich kommt, alt oder eher jung ist, ob von einem Mann oder einer Frau gesungen: Birdy erschafft aus ihnen neue kreative Kunstwerke.

Allein das im Original von Mew stammende fast 8-minütige Werk “Comforting Sounds” ist ein Song, den man so oft als möglich hören kann, muss, soll…
Birdys Version gibt dem Song einen besondere Tiefe, da das dominante Gitarrenspiel des Originals entfällt und damit den orchestralen Instrumenten mehr Spielraum gibt. Dadurch ist der Song weniger aufgewühlt und berührt. Ich weiß, das ist Geschmackssache. Mir gefällt’s.