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Plattenplausch #5 / Casper – XOXO

Es gibt Musik, die entspricht so gar nicht meinen eigenen Vorlieben. Neben den üblichen Verdächtigen wie Volksmusik und Schlager zählen für mich auch Genres wie Heavy-Metal, Hardcore-Rock, Techno und Hip-Hop/Rap dazu.

Aber manchmal blickt man doch über den Tellerrand und entdeckt ein Album, das zwar überhaupt keinen musikalischen Bezug zur Plattensammlung aufweist, aber trotzdem überzeugt und sich im Gehörgang breit macht.
Nachdem über Casper viel gesprochen und geredet wurde und er in vielen Bestenlisten zum Jahresende 2011 auftauchte, machte ich mich auf den Weg die Faszination von „XOXO“ zu ergründen.

Den besten Einstieg in das Album findet man meiner Meinung nach über „So perfekt“. Das ist nicht nur die erste Singleauskopplung, es ist auch DER Song, der das Herz für alles Kommende öffnet. Zwischen den Textzeilen von „So perfekt“ findet sich sicher jeder an irgendeiner Stelle wieder.

Ab da wird es etwas schwieriger. Manche Kost auf Caspers Album ist schwer verdaulich, obwohl er auf die Poser-Elemente des gemeinen Rappers verzichtet.

Sex, Titten, Waffen und die Bekundung der eigenen dicken Eier, die von den meisten ins Mikrofon gepumpt werden und in den Videos mit halbnackten Damen verziert werden, sucht man bei Casper vergeblich.

Nein. Casper erzählt von den Dingen, die uns alle umtreiben, die uns beschäftigen. Vom Sinn des Lebens, von Enttäuschung, Verlust, Frust, Hoffnungslosigkeit. Aber da schwingt auch immer das Positive mit. Der Antrieb, der Wille, die Kraft. So erklärt sich vielleicht auch der Albumtitel „XOXO“ – Kiss & Hugs. Denn der verhält sich zum Inhalt des Albums eher als neutralisierender Faktor.

Der Sinn des Lebens ist leben, sagt Casper im „Grizzly-Lied“ und vielleicht ist es wirklich so einfach wie simple.

Casper präsentiert sich als nachdenklicher Lyriker mit der notwendigen Portion an Erfahrungen. Und auch wenn die Amerikanisierung (Chearleader, Quarterback, Ballkönigin) in den Songs anfänglich etwas irritiert, so hilft Caspers eigene Biografie zu verstehen, wo seine Affinität hierzu seinen Ursprung findet.

Alles in allem ist „XOXO“ für mich im Moment ein bisschen Seelenheil, ein bisschen Therapie. Seine raue Stimme schallt immer wieder durch meine Sennheiser-Kopfhörer und ich bin sicher, er begleitet mich noch ein ganzes Stück auf meinem Weg. Und dass er rappt – nehme ich ihm nicht weiter übel.

Casper – Michael X

Interpret: Casper / Album: XOXO / Release: 2011 / Label: Four Music

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Plattenplausch #4 // Philipp Poisel – Bis nach Toulouse

Es ist schon ein bisschen spät für die Vorstellung dieses Albums. Immerhin ist es schon 9 Monate alt. Aber gut Ding will Weile haben und deswegen habe ich dieses Album nicht vorschnell in diesen Blog tippen wollen, mit wohlwollenden Worten, ein paar vorschnellen Eindrücken. Ich wollte das Album wirken lassen. Das habe ich nun eine ganze Weile und bin nach wie vor “Bis nach Toulouse” der Meinung: Phillip Poisel ist der große Zeitgeist der Gegenwart, der Poet meiner unterschätzten Generation. Neben Philipp Poisel schaffen es eigentlich nur Clueso und Wir sind Helden mich mit ihren deutschen Texten in wahre Gefühlswallungen und Lobeshymnen zu versetzen. Aber Poisel ist vorallem Purist. Kein Wort zu viel. Getreu dem Motto “Weniger ist mehr”. Allein “Ich will nur (live)” ist das beste Beispiel dafür. Zwei kurze Strophen und dazu mehrmals der Refrain. Was bei anderen einfallslos oder langweilig klingt, ist hier so raffiniert instrumentalisiert, dass das Lied sich allein durch das Arrangement ganz von allein aufbäumt und sich am Zenit wieder zurücknimmt, um den Hörer sanft zu entlassen.

Dass Philipp Poisel ausgerechnet in Herbert Grönemeyer einen Fan gefunden hat, der ihn schlussendlich bei Grönland Records unter Vertrag genommen hat, findet seine Begründung sicher auch in Liedtexten wie “Wie soll ein Mensch das ertragen” bei dem eine Menge Interpretationsgeschick benötigt wird, um den Inhalt des Liedes vollständig zu begreifen. Das kann anstrengend, aber auch unvergleichlich schön sein. Meistens geht es bei Poisel um die Liebe, um die Sehnsucht, um die Erinnerung und die großen Schwüre. Was durchaus ins kitschige abdriften könnte, was bei Florian Silbereisen nur müde belächelt würde, klingt aus dem Mund Poisels wie die einzig logische Wortwahl. Jedes Gefühl pointiert und präzise. Jedes Gefühl echt und aufrichtig. Dabei verzichtet er auch nicht auf die heutige Umgangssprache (Für keine Kohle dieser Welt), die trotz seiner verschluckten und nuscheligen Gesangsart klingt, als habe Goethe sie gerade aus dem Federkiel geschüttelt und könnte neben Shakespeare auf der Bühne auftreten. Moderne Poesie.

Aber es gibt auch die lebensbejahenden Momente auf der Platte wie “Froh dabei zu sein”, das Poisel zu einem Zeitpunkt schrieb, in dem er sich medizinischen Untersuchungen unterziehen musste und dabei mit dem eigenen Tod auseinandersetzte. Konsenz: Das Leben ist kurz und schmerzhaft, aber es ist auch erfüllend und glücklich. Und hinten raus – wie könnte es anders sein – kommt noch die Liebe.

Zwischen unserem Alltag, der Arbeit, dem Abendbrot, der Nacht und den schlechten Erfahrungen. Zwischen dem Verzweifeln über die Tatsache, dass wir täglich in dieser Welt funktionieren, ist es schön in der Musik einen Rückzugsort zu finden und uns Mut machen zu lassen für all die Gefühle und zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Alltag so oft auf der Strecke bleiben. Hier sind Loyalität, Liebe, Vertrauen und Freundschaft noch etwas wert. Hier tauchen wir ab und bei Philipp ist man dabei – wie ich finde – sehr gut aufgehoben.

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Plattenplausch # 3 /// Kanye West, Take That und Passenger

Es wird endlich wieder ein bisschen Zeit für einen ordentlichen Plattenplausch. In dieser Ausgabe beschäftige ich mich mit den Abgründen von Mr. Kanye West, der wahrscheinlich (und ehrlich: es war abzusehen) missglückten Reunion von Take That und meiner unverhofften Endeckung Passenger.

Kanye West – My beautiful dark twisted fantasy

Machen wir uns nichts vor: Kanye West ist durch seine öffentlichen Entgleisungen nicht zwangsläufig ein Sympathieträger. Aber aus einem mir nicht ganz einsichtigen Grund, halte ich Kanye West trotzdem für einen der coolsten Typen des Planeten. Und ich breche mit noch einem sonstigen No-Go: ich höre Hip-Hop/Rap. Die neue Platte “My beautiful dark twisted fantasy” ist eine ganze Menge. Vor allem ist sie abwechslungsreich und berstet nur so vom überschwänglichen Ego eines Kanye. Alles kommt einem wie ein zu opulent geratenes Spielzeug vor, auf dem sich Prominente das Mikrofon in die Hand zu reichen scheinen. Aber nach mehrmaligen Hören entpuppt sich das nur als Nebeneffekt. In der Tat hält der Konsument ein phantasievolles, innovatives Medium in der Hand, dass seinen Reiz mit der Rotationsschleife nicht verliert, sondern (ähnlich wie beim Film) immer wieder Neues entdecken lässt. Natürlich ist nicht jeder Song, das ganz große Heiligtum, aber mit dem Opener “Dark Fantasy” werden Garanten wie “POWER”, “Runaway” oder “Lost in the world” angekündigt. Aber wo viel Licht ist, findet sich auch mindestens ein Schatten. Manche stakkatoartigen, runtergerappten Songs sind dann eher nervtötend – wie z.B. “Monster“, “So appalled” oder “Hell of a life“.
Rundum erhält man also ein Werk, dass an vielen Stellen den richtigen Weg einschlägt und sogar melodisch überzeugen kann. Die schattigen Gefilde sind dann eher den eingefleischten HipHop Fans vorbehalten und nerven mich als “Normalo”.

Take That – Progress

Ich gehöre nicht zu den größten Anhängern der Entscheidung von Robbie Williams, sich feuchfröhlich in die Arme seiner alten Bandkollegen zu werfen, das schnelle britische Pfund zu verdienen und dann, wie es in den letzten Tagen in der Presse zu lesen war, offensichtlich schnell wieder das Handtuch zu werfen. Ich bin auch der Meinung, Take That haben zu Viert eine gute Leistung gezeigt . Vorallem haben sie mit den letzten beiden Alben aber klar gemacht, dass sie Robbie nicht wirklich brauchen. Sich nun so dermaßen zu vermarkten und den Hörern vorzuschauspielern, Gary und Robbie seien nun die besten Freunde, finde ich mehr als grenzwertig und  erinnert mich an die komischen Typen aus dem derzeitigen Dschungelcamp. Aber gut. Das Ergebnis dieser pressewirksamen Aktion ist ein Album bei dem vorallem Verwirrung eine große Rolle spielt.

War “Beautiful World” noch ein schönes Pop-Album, bei dem man sich gerne an die gute, alte, 90er-Charmezeit mit Take That und der Pubertät erinnerte und “The Circus” wenigstens noch zu abstrusen Fan-Feden mit Britney Spears führte (aufgrund des Albentitels), kommt “Progress” mit großem TamTam angerauscht, widersetzt sich jeder stilistischen Schublade und ich muss sagen, dass ich keine Ahnung habe, was ich davon halte soll.

  • The Flood” gähnende Langeweile,
  • SOS” wie stigmatisierte Kirmesmusik a la The Killers,
  • Wait” die Reinkarnation eines verzichtbaren “Rudebox”,
  • Kidz” im hippen Gangsta-Slang mit britischem Akzent (!), aber wenigstens mit erfreulichem Potential,
  • Pretty Things” mit klebrigen Elektrosamples und noch klebriger Robbie-Stimme,
  • Happy Now” atmosphärische Aufwärmung im Rudebox-Stil, der dann von Gary im Refrain durchbrochen werden soll und dem Kitsch-Pop die Krone aufsetzt,
  • Underground Machine” *gähn*,
  • What do you want from me” gefällt mir in diesem Kontext wirklich sehr gut,
  • in “Affirmation” kommt endlich mal wieder Howard Donald zum singen und das steht Take That immer gut zu Gesicht. Hier muss ich den Einschub bringen, dass Howard Donald und Jason Orange völlig zu unrecht im Gesang ausgegrenzt werden. Jason hat es bei diesem Album nur auf den Hidden Track geschafft. Hallo?
  • Eight Letters” brrrrr,
  • Flowerbed” ist abschließend der Garant um sich auch mal bei Carmen Nebel einzuladen.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht dazu hinreißen lassen, zu sagen, dass Album wäre bis auf zwei Ausnahmen unhörbar, aber der Zucker des Kitsch-Pop trieft ein bisschen zu flüssig, um das Hören zu einem Genuss zu machen. “Kidz”, “What do you want from me” und “Affirmation” sind aber auf jeden Fall empfehlenswert.

Passenger – Flight of the crow

Diese zufällig entdeckte Musikperle scheint eine ewige Liste der Kollaborationen zu sein. Jeder Song ist mit einem “featuring” verbunden und besticht trotzdem hauptsächlich durch die Stimme des hauseigenen Sängers Mike Rosenberg. Instrumental warmherzig und absolut passend zu der tristen Jahreszeit, ebenfalls unterstützend für die ersten Sonnenstrahlen die gerade meinen Schreibtisch überziehen. Wunderbare Arrangements, deren emotionales Geschick ich gar nicht in Worte fassen kann, weswegen ich nur jedem zum Griff dieser Platte gratulieren kann und die Musik für sich sprechen lasse.

Passenger – Flight of the crow (Stream)

Flight Of The Crow by Passenger Official

Josh Ritter So Runs The World AwayKlein

Plattenplausch #2 / Josh Ritter – So runs the world away

Eigentlich sollte es in der Sommerzeit fröhlichere und beschwingendere Töne in die Timeline schaffen. Schaue ich aus dem Fenster würden diese Sommermelodien nicht zu der Tragödie an Wetterlage passen. Deswegen kann man die herbstliche Musik ruhig vorziehen. Dachte sich vermutlich auch Josh Ritter, der im Juni, dem ersten Sommermonat des Jahres, sein mittlerweile sechstes Album in die Massen warf. Daher sitze ich nun hier und höre neben Norman Palm und den Avett Brothers die Folkplatte “So runs the world away”.

Wohin rennt die Welt? In das “Folk Bloodbath” oder in “Another new world”?

Die Songs auf dem Album nehmen einen mit auf diese unglaubliche Reise von sanften Melodien und der zaghaften Stimme von Josh Ritter. Jedes Lied klingt zerbrechlich, wie in einer Glaskugel, die nicht zu fest geschüttelt werden darf. Märchenhaft sind auch die kleinen Geschichten, die jeder Song mit dem Minimalismus an Instrumentalisierung untermalt erzählt.
Die Genres geben sich gefällig die Klinke in die Hand. So kommen wir am Anfang mit melodischen Balladen davon, steigern uns über verzerrten Sprechgesang (Rattling Locks) hin zu den typisch amerikanischen Countryelementen (Folk Bloodbath). Trotzdem wirkt die Platte nicht wie ein wildes Sammelsurium an übrig gebliebenen Stücken, sondern fügt sich zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

Josh Ritter – Folk Bloodbath

Interpret: Josh Ritter / Album: So runs the world away / Release: 2010 / Label: Pytheas (Cargo Records)

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Plattenplausch #1 /// Norman Palm/Shore to shore

Es ist erstaunlich, dass man unter all den Platten die die Menschen produzieren, so selten echte Perlen findet. Damit meine ich nicht Platten, die man gerne hört und die man mag, sondern die ein Gefühl der Freude auslösen und deren Melodien man nicht genug konsumieren kann. Ich meine Platten für die man sich tatsächlich in einen Sessel fallen läßt und die Arbeit Arbeit sein läßt und einfach nur die Augen schließt und die Noten wie Wasser über die Haut prickeln.

Norman Palm hat bereits zum jetzigen Zeitpunkt eins oder vielleicht DAS Album meines musikalischen Jahres hingelegt. Und das, obwohl der Typ nicht mal einen wikipedia-Eintrag hat, was bekanntlich sogar jemand wie Sascha Lobo vorweisen kann. (Wobei die Priorität eines Menschen natürlich nicht über diese Tatsache definiert werden sollte…)
Nun gut, also Norman Palm lebt in Berlin und zeitweise wohl auch in Mexiko City. Diesen cosmopolitischen Charme vermitteln auch die Songs seines neuen Albums “Shore to shore”. Fantastische Melodien treffen auf eine manchmal zerbrechliche, manchmal kräftige Stimme. Sie pulsieren durch das Bewusstsein und hinterlassen kleine Spuren, die sich zum Beispiel beim Zähneputzen oder in der U-Bahn wiederfinden, wenn die Lippen die Songs anstimmen, die wie kleine Fetzen der Erinnerung entrissen werden.

Jeder Song eine kleine Geschichte, eine Perle, ein Lieblinssong für sich. Ich gebe zu, die Melodien entfalten sich erst nach dem zweiten, vielleicht dritten Mal hören. Aber dann explodiert die Scheibe in ihrer Pracht, nimmt den Hörer mit in ihrer rastlosen Art, die durch vielerlei Instrumente unterstützt wird. Da gibt es die derzeit angesagte Ukulele, einige synthetische Töne und hier und da etwas elektronische Unterstützung.

Ich wünsche mich in einen kleinen VW-Bus auf der Reise in die Schönheit. Aus meinem Kasettenrekorder würde nichts als Norman Palm zu hören sein. Und damit würde man diesem musikalischen Juwel nur annähernd gerecht werden und die Stimmung nur bruchteilhaft erfassen.

Norman Palm – Easy

Interpret: Norman Palm / Album: Shore to Shore / Release: 2010 / Label: Universal Music International