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Plattenplausch #4 // Philipp Poisel – Bis nach Toulouse

Es ist schon ein bisschen spät für die Vorstellung dieses Albums. Immerhin ist es schon 9 Monate alt. Aber gut Ding will Weile haben und deswegen habe ich dieses Album nicht vorschnell in diesen Blog tippen wollen, mit wohlwollenden Worten, ein paar vorschnellen Eindrücken. Ich wollte das Album wirken lassen. Das habe ich nun eine ganze Weile und bin nach wie vor “Bis nach Toulouse” der Meinung: Phillip Poisel ist der große Zeitgeist der Gegenwart, der Poet meiner unterschätzten Generation. Neben Philipp Poisel schaffen es eigentlich nur Clueso und Wir sind Helden mich mit ihren deutschen Texten in wahre Gefühlswallungen und Lobeshymnen zu versetzen. Aber Poisel ist vorallem Purist. Kein Wort zu viel. Getreu dem Motto “Weniger ist mehr”. Allein “Ich will nur (live)” ist das beste Beispiel dafür. Zwei kurze Strophen und dazu mehrmals der Refrain. Was bei anderen einfallslos oder langweilig klingt, ist hier so raffiniert instrumentalisiert, dass das Lied sich allein durch das Arrangement ganz von allein aufbäumt und sich am Zenit wieder zurücknimmt, um den Hörer sanft zu entlassen.

Dass Philipp Poisel ausgerechnet in Herbert Grönemeyer einen Fan gefunden hat, der ihn schlussendlich bei Grönland Records unter Vertrag genommen hat, findet seine Begründung sicher auch in Liedtexten wie “Wie soll ein Mensch das ertragen” bei dem eine Menge Interpretationsgeschick benötigt wird, um den Inhalt des Liedes vollständig zu begreifen. Das kann anstrengend, aber auch unvergleichlich schön sein. Meistens geht es bei Poisel um die Liebe, um die Sehnsucht, um die Erinnerung und die großen Schwüre. Was durchaus ins kitschige abdriften könnte, was bei Florian Silbereisen nur müde belächelt würde, klingt aus dem Mund Poisels wie die einzig logische Wortwahl. Jedes Gefühl pointiert und präzise. Jedes Gefühl echt und aufrichtig. Dabei verzichtet er auch nicht auf die heutige Umgangssprache (Für keine Kohle dieser Welt), die trotz seiner verschluckten und nuscheligen Gesangsart klingt, als habe Goethe sie gerade aus dem Federkiel geschüttelt und könnte neben Shakespeare auf der Bühne auftreten. Moderne Poesie.

Aber es gibt auch die lebensbejahenden Momente auf der Platte wie “Froh dabei zu sein”, das Poisel zu einem Zeitpunkt schrieb, in dem er sich medizinischen Untersuchungen unterziehen musste und dabei mit dem eigenen Tod auseinandersetzte. Konsenz: Das Leben ist kurz und schmerzhaft, aber es ist auch erfüllend und glücklich. Und hinten raus – wie könnte es anders sein – kommt noch die Liebe.

Zwischen unserem Alltag, der Arbeit, dem Abendbrot, der Nacht und den schlechten Erfahrungen. Zwischen dem Verzweifeln über die Tatsache, dass wir täglich in dieser Welt funktionieren, ist es schön in der Musik einen Rückzugsort zu finden und uns Mut machen zu lassen für all die Gefühle und zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Alltag so oft auf der Strecke bleiben. Hier sind Loyalität, Liebe, Vertrauen und Freundschaft noch etwas wert. Hier tauchen wir ab und bei Philipp ist man dabei – wie ich finde – sehr gut aufgehoben.

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