Archive for Mai, 2011

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Plattenplausch #4 // Philipp Poisel – Bis nach Toulouse

Es ist schon ein bisschen spät für die Vorstellung dieses Albums. Immerhin ist es schon 9 Monate alt. Aber gut Ding will Weile haben und deswegen habe ich dieses Album nicht vorschnell in diesen Blog tippen wollen, mit wohlwollenden Worten, ein paar vorschnellen Eindrücken. Ich wollte das Album wirken lassen. Das habe ich nun eine ganze Weile und bin nach wie vor “Bis nach Toulouse” der Meinung: Phillip Poisel ist der große Zeitgeist der Gegenwart, der Poet meiner unterschätzten Generation. Neben Philipp Poisel schaffen es eigentlich nur Clueso und Wir sind Helden mich mit ihren deutschen Texten in wahre Gefühlswallungen und Lobeshymnen zu versetzen. Aber Poisel ist vorallem Purist. Kein Wort zu viel. Getreu dem Motto “Weniger ist mehr”. Allein “Ich will nur (live)” ist das beste Beispiel dafür. Zwei kurze Strophen und dazu mehrmals der Refrain. Was bei anderen einfallslos oder langweilig klingt, ist hier so raffiniert instrumentalisiert, dass das Lied sich allein durch das Arrangement ganz von allein aufbäumt und sich am Zenit wieder zurücknimmt, um den Hörer sanft zu entlassen.

Dass Philipp Poisel ausgerechnet in Herbert Grönemeyer einen Fan gefunden hat, der ihn schlussendlich bei Grönland Records unter Vertrag genommen hat, findet seine Begründung sicher auch in Liedtexten wie “Wie soll ein Mensch das ertragen” bei dem eine Menge Interpretationsgeschick benötigt wird, um den Inhalt des Liedes vollständig zu begreifen. Das kann anstrengend, aber auch unvergleichlich schön sein. Meistens geht es bei Poisel um die Liebe, um die Sehnsucht, um die Erinnerung und die großen Schwüre. Was durchaus ins kitschige abdriften könnte, was bei Florian Silbereisen nur müde belächelt würde, klingt aus dem Mund Poisels wie die einzig logische Wortwahl. Jedes Gefühl pointiert und präzise. Jedes Gefühl echt und aufrichtig. Dabei verzichtet er auch nicht auf die heutige Umgangssprache (Für keine Kohle dieser Welt), die trotz seiner verschluckten und nuscheligen Gesangsart klingt, als habe Goethe sie gerade aus dem Federkiel geschüttelt und könnte neben Shakespeare auf der Bühne auftreten. Moderne Poesie.

Aber es gibt auch die lebensbejahenden Momente auf der Platte wie “Froh dabei zu sein”, das Poisel zu einem Zeitpunkt schrieb, in dem er sich medizinischen Untersuchungen unterziehen musste und dabei mit dem eigenen Tod auseinandersetzte. Konsenz: Das Leben ist kurz und schmerzhaft, aber es ist auch erfüllend und glücklich. Und hinten raus – wie könnte es anders sein – kommt noch die Liebe.

Zwischen unserem Alltag, der Arbeit, dem Abendbrot, der Nacht und den schlechten Erfahrungen. Zwischen dem Verzweifeln über die Tatsache, dass wir täglich in dieser Welt funktionieren, ist es schön in der Musik einen Rückzugsort zu finden und uns Mut machen zu lassen für all die Gefühle und zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Alltag so oft auf der Strecke bleiben. Hier sind Loyalität, Liebe, Vertrauen und Freundschaft noch etwas wert. Hier tauchen wir ab und bei Philipp ist man dabei – wie ich finde – sehr gut aufgehoben.

Eurovision

Der ESC 2011 – Ein Rückblick

Es ist jedes Jahr die gleiche Frage, die mich am Tag nach dem großen ESC beschäftigt. Wieso schachern sich alle Nachbarstaaten immer 12 Punkte zu, nur Deutschland (das bekanntlich über 9 angrenzende Nachbarstaaten verfügt) geht am Ende entweder leer oder mit zu vernachlässigender Punktzahl aus dem Rennen? Selbst im letzten Jahr, als Lena kurioserweise gewonnen hat, hat Deutschland von den direkten Nachbarn Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich, Schweiz, Frankreich, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden lediglich von Dänemark und der Schweiz die volle Punktzahl bekommen. Von Belgien gab es 10, von Polen gab es sieben, von den Niederlanden und Frankreich immerhin noch vier Punkte.  Gestern Abend sah es in diesem Bereich eher mager aus. Überraschenderweise haben wir die höchste Punktzahl (nämlich 10) ausgerechnet aus Österreich erhalten. Unglaublich. Ansonsten gab es nur kleine Erfolge wie 8 Punkte aus Dänemerk, der Schweiz und sieben aus den Niederlanden. Der Rest waren freundlich gemeinte Anerkennungspunkte, die allerdings nur verhalten den Weg in die Gesamtpunktzahl fanden.
Am Ende war es Platz 10. Es hätte schlimmer kommen können.

Die Show

Wow, ehrlich. Ich gehörte im letzten Jahr zu denen, die bei dem Sieg von Lena sehr beschämt zu Bedenken gab, dass sie es dem deutschen Veranstaltern nicht zutraut ein vernünftiges Programm auf die Beine zu stellen. Aber ich habe in den mittlerweile 14 Jahren ESC noch kein so wirklich fulminantes Intro gesehen. Die Symbiose zwischen Raab, Engelke und Rakers hat gestimmt. Zumindest zwischen Rakers und Engelke. Raab wirkte eher blaß und drehte nur dann auf, wenn er ein Instrument in der Hand hatte. Aber gut. Der Anfang war Klasse. Rakers und Engelke überraschten mich mit ihren wirklich guten Fremdsprachkenntnissen. Aber richtig gespannt war ich auf das Zwischenprogramm zwischen Abstimmung und Punktevergabe.

JAN DELAY???

Ganz ehrlich, lieber NDR, wir haben doch begabtere Künstler als diesen Sprechlegastheniker. Und diese derbe Sprache! Soll das unsere Botschaft an Europa sein? Herbert Grönemeyer, Philipp Poisel, Clueso, Klee, Wir sind Helden (!!!), Adel Tawil, Xavier Naidoo, Cassandra Steen – meinetwegen auch Westernhagen, Nena oder Tokio Hotel. Aber Jan Delay? Das war peinlich!

Die Künstler

Der ESC hat schon bessere Songs, bessere Interpreten gehabt, aber da steckt man nicht drin. Selten schaffen die einzelnen Künstler ein harmonisches Gesamtkonzept wie die Teilnehmer des ESC 2000 in Stockholm. Es gab kurioses, schlechtes, phantastisches, überraschendes, trashiges und auch wirklich Gutes.

Mein heimlicher Favorit – Finnland mit Paradise Oskar – Da Da Dam (wer sonst)

Mein ESC-Favorit – Bosnien und Herzegowina mit Dino Merlin – Love in Rewind

Mein überraschendster Song – Estland mit Getter Jaani – Rockefeller Street

Mein beschissenster Song kam auf jeden Fall aus Griechenland, bei denen ich zu Anfang der Punktvergabe Angst hatte, die könnten wirklich gewinnen. Oh Mann. Crossover ist sicher eine nette Idee – wenn man es vernünftig umsetzt. Aber der Song aus Griechenland war weder harmonisch, noch melodiös.
Schweden fand ich übrigens genauso abartig und bin schlussendlich froh, dass Aserbaidschan das Rennen gemacht hat. Den Song finde ich nicht herausragend und auch nicht den würdigen Sieger des Abends, aber solange Jedward und die Griechen auf die Plätze verwiesen wurden ist alles in Butter.

Lenas Auftritt und die Platzierung

Lenas 10. Platz finde ich in Ordnung. Ihren Auftritt fand ich blamabel. Der Song war gut, Lena meinetwegen auch noch, aber der der Lena erklärt hat, Sex sells und sie dabei wie eine kleine Lolita vor der Kamera posieren ließ, gehört erschossen. Das war nicht erotisch, sondern unheimlich peinlich. Ich habe den ganzen Song darauf gewartet, dass sie sich noch das kleine Schwarze vom Leib reißt, dann hätte ich abgeschaltet. Bereits während des Auftritts beschlich mich das Gefühl, dass sie sich nicht durchsetzen wird und auch meine optimistische Prognose für die TOP 5 ließ ich in dem Moment fallen.

Dafür war Lena allerdings eine faire und charmante Verliererin. Mit einem wirklich herzlichen Lächeln hat sie den Gewinnern Ell und Nikki den Pokal überreicht und hat nun die Möglichkeit sich fernab des ESC zu entfalten und wer weiß wohin ihr Weg sie führen wird.

Nun gut. 2012 auf ein Neues. In Aserbaidschan. Und dann wahrscheinlich auch wieder mit der Frage: Warum mag Europa die Deutschen einfach nicht?