Es wird endlich wieder ein bisschen Zeit für einen ordentlichen Plattenplausch. In dieser Ausgabe beschäftige ich mich mit den Abgründen von Mr. Kanye West, der wahrscheinlich (und ehrlich: es war abzusehen) missglückten Reunion von Take That und meiner unverhofften Endeckung Passenger.
Kanye West – My beautiful dark twisted fantasy
Machen wir uns nichts vor: Kanye West ist durch seine öffentlichen Entgleisungen nicht zwangsläufig ein Sympathieträger. Aber aus einem mir nicht ganz einsichtigen Grund, halte ich Kanye West trotzdem für einen der coolsten Typen des Planeten. Und ich breche mit noch einem sonstigen No-Go: ich höre Hip-Hop/Rap. Die neue Platte “My beautiful dark twisted fantasy” ist eine ganze Menge. Vor allem ist sie abwechslungsreich und berstet nur so vom überschwänglichen Ego eines Kanye. Alles kommt einem wie ein zu opulent geratenes Spielzeug vor, auf dem sich Prominente das Mikrofon in die Hand zu reichen scheinen. Aber nach mehrmaligen Hören entpuppt sich das nur als Nebeneffekt. In der Tat hält der Konsument ein phantasievolles, innovatives Medium in der Hand, dass seinen Reiz mit der Rotationsschleife nicht verliert, sondern (ähnlich wie beim Film) immer wieder Neues entdecken lässt. Natürlich ist nicht jeder Song, das ganz große Heiligtum, aber mit dem Opener “Dark Fantasy” werden Garanten wie “POWER”, “Runaway” oder “Lost in the world” angekündigt. Aber wo viel Licht ist, findet sich auch mindestens ein Schatten. Manche stakkatoartigen, runtergerappten Songs sind dann eher nervtötend – wie z.B. “Monster“, “So appalled” oder “Hell of a life“.
Rundum erhält man also ein Werk, dass an vielen Stellen den richtigen Weg einschlägt und sogar melodisch überzeugen kann. Die schattigen Gefilde sind dann eher den eingefleischten HipHop Fans vorbehalten und nerven mich als “Normalo”.
Take That – Progress
Ich gehöre nicht zu den größten Anhängern der Entscheidung von Robbie Williams, sich feuchfröhlich in die Arme seiner alten Bandkollegen zu werfen, das schnelle britische Pfund zu verdienen und dann, wie es in den letzten Tagen in der Presse zu lesen war, offensichtlich schnell wieder das Handtuch zu werfen. Ich bin auch der Meinung, Take That haben zu Viert eine gute Leistung gezeigt . Vorallem haben sie mit den letzten beiden Alben aber klar gemacht, dass sie Robbie nicht wirklich brauchen. Sich nun so dermaßen zu vermarkten und den Hörern vorzuschauspielern, Gary und Robbie seien nun die besten Freunde, finde ich mehr als grenzwertig und erinnert mich an die komischen Typen aus dem derzeitigen Dschungelcamp. Aber gut. Das Ergebnis dieser pressewirksamen Aktion ist ein Album bei dem vorallem Verwirrung eine große Rolle spielt.
War “Beautiful World” noch ein schönes Pop-Album, bei dem man sich gerne an die gute, alte, 90er-Charmezeit mit Take That und der Pubertät erinnerte und “The Circus” wenigstens noch zu abstrusen Fan-Feden mit Britney Spears führte (aufgrund des Albentitels), kommt “Progress” mit großem TamTam angerauscht, widersetzt sich jeder stilistischen Schublade und ich muss sagen, dass ich keine Ahnung habe, was ich davon halte soll.
- “The Flood” gähnende Langeweile,
- “SOS” wie stigmatisierte Kirmesmusik a la The Killers,
- “Wait” die Reinkarnation eines verzichtbaren “Rudebox”,
- “Kidz” im hippen Gangsta-Slang mit britischem Akzent (!), aber wenigstens mit erfreulichem Potential,
- “Pretty Things” mit klebrigen Elektrosamples und noch klebriger Robbie-Stimme,
- “Happy Now” atmosphärische Aufwärmung im Rudebox-Stil, der dann von Gary im Refrain durchbrochen werden soll und dem Kitsch-Pop die Krone aufsetzt,
- “Underground Machine” *gähn*,
- “What do you want from me” gefällt mir in diesem Kontext wirklich sehr gut,
- in “Affirmation” kommt endlich mal wieder Howard Donald zum singen und das steht Take That immer gut zu Gesicht. Hier muss ich den Einschub bringen, dass Howard Donald und Jason Orange völlig zu unrecht im Gesang ausgegrenzt werden. Jason hat es bei diesem Album nur auf den Hidden Track geschafft. Hallo?
- “Eight Letters” brrrrr,
- “Flowerbed” ist abschließend der Garant um sich auch mal bei Carmen Nebel einzuladen.
Ich möchte mich an dieser Stelle nicht dazu hinreißen lassen, zu sagen, dass Album wäre bis auf zwei Ausnahmen unhörbar, aber der Zucker des Kitsch-Pop trieft ein bisschen zu flüssig, um das Hören zu einem Genuss zu machen. “Kidz”, “What do you want from me” und “Affirmation” sind aber auf jeden Fall empfehlenswert.
Passenger – Flight of the crow
Diese zufällig entdeckte Musikperle scheint eine ewige Liste der Kollaborationen zu sein. Jeder Song ist mit einem “featuring” verbunden und besticht trotzdem hauptsächlich durch die Stimme des hauseigenen Sängers Mike Rosenberg. Instrumental warmherzig und absolut passend zu der tristen Jahreszeit, ebenfalls unterstützend für die ersten Sonnenstrahlen die gerade meinen Schreibtisch überziehen. Wunderbare Arrangements, deren emotionales Geschick ich gar nicht in Worte fassen kann, weswegen ich nur jedem zum Griff dieser Platte gratulieren kann und die Musik für sich sprechen lasse.
Passenger – Flight of the crow (Stream)


