Archive for September, 2010

plattenschau600

Plattenschau #2 /// KW 38

In dieser Ausgabe der “Plattenschau” werden die Alben von Ben Folds & Nick Hornby, Pohlmann und der fabelhaften Agnes Obel unter die Lupe genommen und kurz bewertet.

Ben Folds & Nick Hornby – Lonely Avenue

Ich gebe es zu: Nick Hornby war noch nie mein Fall. Seine Bücher zwar irgendwie Kult, mir aber immer eine Spur zu fade. Vielleicht identifizierte ich mich aber auch zu wenig damit. Ben Folds wirkt mir manchmal zu sperrig. So war ich sehr gespannt, was die beiden gemeinsam auf die Beine stellen würden. Ich bin positiv überrascht. Das Album hat einen gewissen Charme. Die sanften Streichelemente, die zaghafte Stimme von Ben Folds und die Texte von Nick Hornby. Das gesamte Arrangement wirkt überzeugend, aber streckenweise zu gewollt. Als habe man ein gemeinsames Epos schaffen wollen, dem aber irgendwann die Luft ausgeht. Für Fans sicher eine schicke Sache, für mich eher Nebensache.

Pohlmann – König der Straßen

Gutes deutschsprachiges Liedgut. Die meisten von Euch, die mich schon eine Zeit begleiten, wissen, dass ich eine absolute Schwäche für deutschsprachige Musik habe. Pohlmann. versteht sein Handwerk ebenso gut, wie zum Beispiel Clueso oder Philip Poisel. Dabei klebt er zwischen den beiden allerdings ein bisschen fest. Während Poisel mit jeder Strophe überzeugt und Emotionalität erzeugt und Clueso für seinen Textwitz bekannt ist, ist Pohlmann. irgendwie – Durchschnitt. Ein bisschen Pop, ein bisschen Rock, ein bisschen Mainstream und ein bisschen Alternative. Aber nichts Definitives. Als würde man sich überall empfehlen, aber nirgendwo dazugehören wollen. Kann, muss aber nicht.

Agnes Obel – Philharmonics

Agnes Obel war schon ungewöhnlich schön in der Telekom-Werbung in der ihr dezenter Song “Just so” eingesetzt wurde. Mit “Philharmonics” hat sie bereits einen sehr aussagekräftige Albumtitel gefunden, der neugierig macht und den Hörer nicht enttäuscht. Durchaus dürfen orchestrale Elemente durch die Sequenzen führen. Aber eigentlich ist der Albumtitel schamhaftes Understatement. Agnes Obel begleitet uns dezent durch ihre sprachlichen Sphären und beweist, weniger ist immer soviel mehr. Hier tummeln sich die Songperlen, fein aneinander gereiht und fertig zum abholen. Feine Melodien treffen auf die sanfte Stimme. Die Frau, die auf dem Cover so schüchtern und brav, fast ein bisschen unnahbar wirkt, zaubert uns die Welt auf ein Silbertablett, das man am liebsten immer wieder polieren möchte, damit es ja nur nicht anläuft. Bravourös und wahnsinnig schön.

Live Sessions /// Eine Zusammenstellung

Ich liebe Live-Musik. Bin allerdings kein Konzertgänger. Warum kann ich nicht genau erklären. Jedenfalls mag ich die Live-Instrumentalisierung. Die pure Musik ohne technische Aufbesserung. An der Live-Performance kann man viele Künstler auch auf ihr tatsächliches Talent hin überprüfen. Man erkennt ohne Probleme, ob bei den Aufnahmen zu einem Album sehr nachgebessert werden musste oder nicht. Außerdem hören sich Live-Aufnahmen auch meist anders an, da keine elektronischen Beats untergemischt werden und so über alternative Arrangements eine völlig neue Atmosphäre entstehen kann. Im Internet tummeln sich viele Anlaufstellen für sogenannte Live-Sessions und einige davon möchte ich nun hier vorstellen.

/// TAS in Session

The Alternative Side.org hat eine eigene Live-Session Sektion in der u.a. Band wie One EskimO, Passion Pit, Blitzen Trapper, Emiliana Torrini und Stornoway Sessions eingesungen haben. Ansonsten bieten sie ein Internetradio-Stream zur Verfügung und versorgen den geneigten Leser mit allerlei Neuigkeiten rund um die Alternative-Szene.

TAS in Session /// Fanfarlo

Spinner /// The Interface

Spinner ist eine der Musikseiten der AOL Gruppe. Spinner unterhält neben der wirklich empfehlenswerten Kategorie “mp3 of the day” auch eine Live-Performance Kategorie: eben “The Interface”. Hier haben bereits Bands wie The National, Brocken Bells, Mumford & Sons, Phoenix und MGMT und Einzelkünstler wie Jamie Lidell oder Regina Spektor Auftritte hingelegt.

The Interface /// The Avett Brothers

/// TV Noir

Anders als bei den vorangegangenen Sessions handelt es sich hierbei um Live Sessions, die vor einem Publikum bestritten werden. Außerdem werden meist zwei Künstler oder Bands eingeladen, die sich den Fragen des Moderators stellen müssen und auch musikalische Herausforderungen zu bewerkstelligen haben. So müssen vom Publikum vorgeschlagene Lieder performt werden – auch wenn sie dem Künstler gänzlich unbekannt sind. Die Videos sind grundsätzlich schwarz/weiß und begründen damit auch den Namen des Programms.

TV Noir /// Philipp Poisel

/// La Blogotheque – Les Concerts a Emporter

Das wunderbare und zu gleich kuriose an diesen Sessions ist, dass sie nicht dröge im Studio eingespielt werden. Vielmehr werden die Künstler durch die Straßen einer Stadt begleitet, Lieder in Hinterhäusern aufgenommen oder die Band in der Mitte ihres Publikums festgehalten. So kann es passieren, dass man in den Straßen von Paris auf einmal von Bon Iver trällernd überholt wird. Sehr cool.

Les Concerts a emporter /// Bon Iver Part I
Les Concerts a emporter /// Bon Iver Part II

/// The Laundro Matinee

Ich glaube “The Laundro Matinee” war meine erste Live-Session Seite, die ich entdeckt habe. Im Zuge meiner Recherchen zu dem damals neu entdeckten Greg Laswell wurde ich auf die Seite aufmerksam. Die Anzahl der vorhandenen Sessions ist überschaubar und der Intervall von Neuzugängen sehr unregelmäßig und lang, dafür findet man hier die eine oder andere Perle von Bands und Interpreten. Einen Blick ist es auf jeden Fall wert.

The Laundro Matinee /// Greg Laswell

/// Black Cab Sessions

Das Programm hier ist klar vorgegeben. Jeder Künstler/jede Band fährt in einem Black Cab und musiziert während der Fahrt. Dies ist nicht sehr leicht zu bewerkstelligen, da die Sitzplätze und der Platz im Allgemeinen sehr begrenzt sind. Es ist wahnsinnig lustig, aber vorallem interessant zu sehen, wie die Bands und Künstler dies umsetzen. Mein Favorit ist der Take von VV Brown, die normalerweise so dancelastige Songs hat. Die kommt hier mit ihrer Hammerstimme und dem reduzierten Gitarrensound richtig gut rüber.

/// Daytrotter Sessions

Last but not least möchte ich die wahrscheinlich bekannteste Live-Session Seite erwähnen: die Daytrotter Sessions. Ich glaube hier ist jede Band und jeder Künstler der Alternative/Indie Szene ein- oder mehrmals vertreten. Die Songs können auf der Seite gestreamt und sogar heruntergeladen werden. Meist umfassen die Sessions drei ausgewählte Lieder. Optisch werden die Einträge mit handgezeichneten, persönlichen Bildern verbunden, was der Seite einen weiteren Pluspunkt einfährt.

Kennt Ihr noch weitere Seiten mit Live-Sessions?

plattenschau600

Plattenschau #1 /// KW 35

In der ersten Ausgabe der Plattenschau ergründe ich die Soloabgründe von verschiedenen in der Alternative-Szene populären Bandmitgliedern. Unter anderem dabei die Schlagzeuger von Bon Iver und Radiohead sowie die Sänger von Snow Patrol und The Killers.

S. Carey – All we grow

Schönes, ruhiges Album mit zaghafter Instrumentierung und schöner Stimme. S. Carey kennen übrigens alle, denen Bon Iver ein Begriff sind. Und damit bekennen sich auch schon die musikalischen Wurzeln dieses Albums. Da “For Emma, forever ago” immer noch einer meiner Lieblingsalben ist, ist dies hier der würdige Nachfolger für die tristen Herbsttage. In der Tat entfaltet sich die wahre Schönheit dieses Albums erst nach mehrmaligen Hören.

S. Carey – In the dirt

Philip Selway – Familial

Philip Selway ist in diesem Artikel der zweite Abkömmling einer erfolgreichen Band, der nun seine Individualität beweisen möchte. Neben S. Carey vermutlich das zweite Album, dass meinen Herbst bereichern wird. Ich freue mich schon, wenn ich Anfang Oktober in Langeoog am Deich hocke und beim Hören dieser Platte Ebbe und Flut beim Staffellauf zusehen werde. Perfekter kann der Soundtrack für eine steife Brise und die Aussicht auf die Weite des Meeres gar nicht sein.

Philip Selway – By some miracle

Tired Pony – The Place we ran from

Ein von mir völlig falsch eingeschätztes Album! Da habe ich immer mal sporadisch rein gehört und habe gedacht: och nöö. Da fehlt mir ein bisschen der Drive, da ist zu viel der letzten (leider nicht so geglückten) Snow-Patrol-Platte drin. Aber nachdem Sascha mich auf Twitter nochmal mit der Nase drauf gestossen hat und meinte, dieses Album sei für meine Ohren geschrieben, dachte ich mir: Wenn er schon auf den gleichen Gedanken kommt wie ich, als ich das erste Mal von dem Album hörte, dann MUSS doch etwas dran sein. Album nun mehrmals hintereinander gehört und sie da: es kommt. Allzuviele der nachgesagten Countryelemente erkenne ich zwar nicht eindeutig, aber es reicht auch, diese Platte als puren Pop seine Daseinsberechtigung zuzugestehen.

Brandon Flowers – Flamingo

Muss man Solo eigentlich da weiter machen, wo man als Teil einer Band stagniert ist? Diese Frage stellt sich mir bei dem ersten Solo Album von Brandon Flowers. Nachdem das letzte “The Killers” Album eindeutig bewiesen hat, dass die Band vielleicht phantasievoll, aber alles andere als genial geblieben ist, waren meine Erwartungen an Brandon Flowers groß. Allein bei dem Albumtitel “Flamingos” sacken meine Erwartungen ins Pornoröse ab. Nachdem er dann im ersten Lied Las Vegas beträllert, ahne ich in welch kitschige Gefilde Flowers seine Hörer entführen will. Es drängt sich die Frage auf, ob hier all die Songs verwurstet wurden, die zu schlecht für die Killers-Platte waren. Beim Anfand von “Hard Enough” rollen sich mir die Fußnägel bis zum Bauchnabel auf. “Crossfire” als Adrenalinstoß zu bezeichnen, fällt auch nur gewieften Marketingstrategen ein. Ich nenne es komatöses lalala. Ein echtes No-go.

Brandon Flowers – Crossfire

skelettklein

Verpflichtung zur Organspende?

Ich bewundere Frank-Walter Steinmeier. Weniger für seine politischen Entscheidung, sondern für seine menschliche Größe und Zuneigung seiner Frau gegenüber. Ich finde es mutig einen Eingriff an seinem Körper vornehmen zu lassen, um einem geliebten Menschen die Möglichkeit auf ein verlängertes Leben zu bieten.

Was mich allerdings in diesem Zusammenhang ärgert ist die wieder aufgekeimte Diskussion über den gesetzlichen Umgang mit Organspenden. Es war bereits vor ungefähr zwei Jahren im Gespräch ein Gesetz zu schaffen, dass Organspenden grundsätzlich zulässt. Wer keine Organe spenden möchte – aus welchen subjektiven Gründen auch immer – sollte nach dem damaligen Entwurf eine Art Widerspruch einlegen. Geschieht dies nicht, kann der hirntote Mensch mehr oder weniger als Ersatzteillager herhalten. Da kommt man sich doch vor wie ein ausgedientes Automobil, dessen rote Türen demnächst an einem blauen Auto in die Welt hineinfahren, ein Motor der dem eigentlich schon verrosteten Kleinwagen wieder neues Leben einhaucht.

12.ooo Menschen warten allein in Deutschland auf lebensrettende Organe.

Es gibt Menschen, die sind wirklich der Meinung, es sei ignorant, dass man sich nicht zur Organspende bereit erklärt. Sie gehen sogar so weit zu sagen, dass Menschen sterben müssen, weil andere sich ihrer Sterblichkeit nicht bewusst sind.
Irrtum.  – Ich bin nicht ignorant. Ich bin nur nicht grundsätzlich auf diese Welt gekommen, um für andere Menschenleben einzustehen.

Ich weiß, es klingt grundsätzlich egoistisch. Aber ich entscheide über meinen Körper selbst. Vorallem auch nach meinem Tod. Ich brauche keine pauschalen Gesetzesregelungen, die mich verpflichten mich leer und ausgeschlachtet ins Grab zu legen, übersät mit Narben, mit leeren Augenhöhlen, weil auch diese Augen nun aus einem anderen Körper starren.
Es gibt verschiedene Sichtweisen über die ethischen und moralischen Beweggründe sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden.

Verbunden mit dieser völlig absurden Regelung, schreibt mir vermutlich demnächst noch einer vor wieviel Sport ich treiben muss oder welche Lebensmittel ich konsumieren darf, damit die Organe auch bei meinem Ableben noch gut in Schuss sind.

Außerdem gibt es den dabei sicherlich auch Fehler im Detail. Wie soll garantiert werden, dass eine Widerspruchserklärung gegen eine Organsspende auch tatsächlich hinterlegt ist und nicht versehentlich im Bearbeitungsvorgang abhanden kommt?

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nicht grundsätzlich gegen eine Organspende bin und ich auch niemanden verurteilen möchte, der dieses Thema positiv betrachtet, aber ich denke niemand kann von einem anderen Menschen erwarten in dieser Weise gerettet zu werden. Wir sind auch nicht dafür verantwortlich.
Wir sehen weg, wenn an Bahnsteigen couragierte Menschen zu Tode geprügelt werden, wir wenden den Blick ab, wenn ein Mädchen im Bus belästigt wird. Wir übersehen auch schon mal gern die Frau, die mit dem Kinderwagen nicht allein in den Bus kommt. Aber wenn es um Organe geht, muss die Menschlichkeit und die sonst vertriebene Nächstenliebe künstlich erzwungen werden?

Die Entscheidung für eine Organspende muss freiwillig bleiben und ich muss mich nicht mit unnötigem Bürokratismus herumschlagen müssen, um mein Recht auf meine Menschenwürde und mein Persönlichkeitsrecht in Anspruch zu nehmen. Und ich muss auch nicht in Sorge leben, dass ich vielleicht vorher vom Bus erfasst werde, bevor der Widerspruch rechtskräftig geworden ist.